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50 Jahre Schneeberg-Kapelle in Aachen-Vaalserquartier
von Andreas Krützen, März 2013

Geht man von Aachen "Gut Melaten" auf dem Schneebergweg (alte Römer- und Pilger-strasse, "via regia") in Richtung Lemiers, so findet man diese Marienkapelle etwa auf halber Strecke auf der linken Seite, gegenüber dem Golfplatzgelände und einer hässlichen Betonwand, einem Relikt des ehemaligen "Westwalls". Aus mehreren Zeitungsartikeln (s. nachfolgendes Quellenverzeichnis) und persönlichen Gesprächen mit dem Erbauer, Herrn Wilhelm Maahsen geht hervor, dass diese Kapelle aufgrund eines Gelübdes hier errichtet wurde. Der "Kleinbauer" (Landwirt) Maahsen mit wenig Vieh, etwas Weide- und Ackerland, war auch ein guter Maurer (Kaminbauer), womit er in der Winterszeit bei den Bauern ringsum sich ein Zubrot verdienen konnte. Mit der Erfahrung, die er durch die Zwangsverpflichtung beim Bau des Westwalls erwerben konnte, hatte er auch einen eigenen kleinen Bunker für seine Familie gebaut. Das Gebiet -einschließlich Vaalserquartier- blieb auch wegen der Grenznähe zu den Niederlanden (Vaals) weitgehend von Bombenangriffen verschont.
Aber kurz vor Kriegende war hier die Hölle los. Die Amerikaner hatten schon am 11./12. September 1944 mehrere Westwallbunker am Aachener Pelzerturm und an der Eupener Straße eingenommen. Den Vaalser Berg mit dem Dreiländerpunkt hatten sie besetzt und waren Richtung Vaals bis Vaalsbroek (14.9.44) vorgerückt. Doch die Einnahme von Wachtelkopf und Schneeberg war unmöglich, weil die vielen, hier gelegenen Westfall-Bunker die Alliierten unter Beschuss nahmen. Die Bunkerbesatzung (ca. 130 Mann unter SS-Kommando) war auch nicht durch Bombenangriffe und Aufrufe über Lautsprecher aus Vaals zur Aufgabe zu bewegen. In diesen schrecklichen 7 Wochen zwischen den feindlichen Linien hat Wilhelm Maahsen der Muttergottes das Versprechen gegeben, hier eine Kapelle zu errichten, wenn seine Familie und er, (wie auch Vaals und Vaalserquartier) den Krieg heil überstehen würden. Erst nachdem Aachen fast ganz umzingelt war, konnten die deutschen Stellungen und Bunker auf dem Schneeberg "von der Rückseite" her eingenommen werden. Am 20.10 44 wurde Vaals befreit und in Aachen kapitulierten die letzten deutschen Truppen am 21.10.1944.

Gleich nach Kriegsende hat er dann auch die Stelle auf seinem Land ausgesucht, wo die Kapelle mal erstehen soll, aber bis zu Vollendung "musste die Muttergottes noch viele Jahre warten". Schließlich wollte er es ganz alleine fertig bringen, das nötige Geld zusammenbetteln und das erforderliche Baumaterial günstig beschaffen. Mit vielen Wagenladungen Schutt von Ruinen rund um den Dom ("Domgelände") hat er das Baugrundstück aufgefüllt und eine kleine Anhöhe geschaffen. Schließlich konnte er ein achteckiges Fundament auf "Domboden" gießen und mit dem Rohbau beginnen. Da er jedoch keine Baugenehmigung hatte, wurde die Baustelle zunächst mal stillgelegt. Ein Architekturstudent fertigte ihm schließlich die Zeichnungen und erforderlichen Unterlagen und das Bauvorhaben wurde dann auch offiziell genehmigt.
Ein weiteres Mal hat er Hilfe benötigt. Beim Betonieren der Kapellen-Kuppel, in einem Stück, haben ihm zwei Knechte der naheliegenden Bauernhöfe geholfen. Selbst den 16 Zentner schweren Stein (Findling) hat er allein von seinem Feld hierher geschafft. Darauf ruht nun die Altarplatte. Auf dem Dach montierte er einen "Sternenkranz" in Beton gegossen und darauf steht noch einmal ein Blausteinkreuz. Der "Sternenkranz" mit den zehn Zacken ist einem "Soldaten-" bzw. "Fingerrosenkranz" nachempfunden. In diesen "Rosenkranz" hat er eine kleine Glocke mit Kugellagern eingebaut und mit einem Seilzug für das Läuten versehen. Das Ganze ist eine sehr gewagte Konstruktion, hat aber doch schon 50 Jahre gehalten. Die Glocke hatte er bei der Auflösung des Redemtoristenkloster in Vaals für 75 DM erstanden und sie wurde über viele Jahre morgens, mittags und abends zum "Ave" ("Engel des Herrn") von Herrn Maahsen oder seiner Frau geläutet. (Heute ist die Glocke im Sternenkranz fest montiert).
Statt einer farbigen Madonna aus Banneux, die ihm der dortige Pfarrer besorgen wollte, hat er eine "zementgraue" aus Brügge bekommen, die von dem belgischen Künstler Dupont geschaffen wurde. Maahsen wollte keinerlei Prunk in der Kapelle, sondern nur eine schlichte und solide Innenausstattung. Hier wurde ihm Hilfe von dem 2004 verstorbenen Künstler Peter Paul Hodiamont zuteil. Er gestaltete den Fensterkranz unterhalb der Kuppel und die Eingangstür. Die emaillierten Platten zeigen Motive aus der Lauretanischen Litanei und schildern den beschwerlichen Weg beim Bau der Kapelle, vom Gelübde 1944 bis zur Einsegnung 1963.

Am Feste Mariä Geburt, am 08.09.1963, fand die feierliche, kirchliche Segnung durch den Pfarrer von St. Konrad, Herrn Hans Thoma statt. "über tausend" (?) Pilger waren zum Schneeberg gekommen, um zusammen mit dem Kirchenchor von St. Konrad und der "Königlichen Harmonie" von Vaals an dieser Feier zum Lob des Baumeisters und zur Ehre der Gottesmutter Maria teilzunehmen. Zum Abschluss seiner Ansprache gab Pfarrer Thoma bekannt, Herr Wilhelm Maahsen habe die Kapelle mit Grund und Boden der Kirchengemeinde geschenkt.
Aus dieser Schenkung ist nichts geworden. Die von Herrn Maahsen erwünschten Auflagen (u.a. Altarkonsekration, regelmäßige Eucharistiefeiern) waren nicht zu erfüllen. In einem Zeitungsartikel heißt es auch, er selbst wäre bereit, für Gewänder und Kelche zu sorgen.
Sie gehört nunmehr Herrn Matthias Götzer; weder die Kirchen- noch die Kommunale Gemeinde haben irgendwelchen Anteile oder Rechte. Dies gilt auch für den von Maahsen geschaffenen Treppenaufgang (-alle Stufen selbst in Beton gegossen!-), der vom Senserbachweg durch mehrere Gärten bis zur Kapelle führte. Es ist heute nicht zugängliches Privatgelände und ein öffentlicher "Wanderweg", wie die Gemeinde Laurensberg irrtümlich ausgewiesen hatte, ist hier nicht mehr vorhanden.
Aus den Verkündigungsbüchern von St. Konrad geht hervor, dass die Gemeinde ab 1966 jährlich einmal zwischen September bis Oktober in Prozession zur Schneebergkapelle zog. Auch unter Pfarrer Losberg (nach 1975) wurden die Prozessionen noch fortgesetzt.

Was war dieser Wilhelm Maahsen für ein Mann? In den unten erwähnten Zeitungsartikeln nennt man ihn den "missionarischen Kleinbauern,… tiefgläubig, …gottesfürchtig, …im katholischen Glauben tief verwurzelt, …unbeugsam und …couragiert". Dazu wird seine Mitgliedschaft in der Kevelaer-Bruderschaft und seine jährliche Wallfahrt dorthin angeführt. Hier -wie auch bei den Pfarr-Prozessionen in St. Konrad- war er mit seiner immens lauten Vorbeter-Stimme und dem langen Kreuzstab (zur Anzeige der "Vor- und Nachbeter" beim Rosenkranz) ein unverkennbares "Markenzeichen". Die "Alt-Vaalserquartierer" nennen ihn daher liebevoll "d’r Herrjott vajene Schnieberreg" oder auch "d‘r Jrüß Jott". Das Letztere bezieht sich auf seinen mutigen Gruß an die deutschen Zöllner während der NS-Zeit, wenn er fast täglich am Zoll vorbeikam. Statt des erwarteten Hitlergrußes erscholl unüberhörbar laut:"Grüß Gott"!

Doch sollten wir ihn nicht schon hier auf Erden zu einem Heiligen machen. Er war ein Mensch, wie wir alle auch mit Fehlern behaftet. Bei Arbeiten auf "Gut Klau" und bei einer Fußwallfahrt nach Kevelaer (1947/48) konnte ich ihn näher kennenlernen. Er war sicher ein frommer und lauter Beter vor dem Herrn, aber er konnte ebenso laut schimpfen und jähzornig brüllen. Mit dem langen Kreuzstab traf er auch manch‘ frommen Kevelaer-Pilger auf der Schulter oder im Nacken, wenn er nicht aufmerksam war oder nicht laut genug betete. Er war ein ausgesprochener "Traditionskatholik", gläubig aber auch etwas einfältig und neuen Ideen oder Anregungen nicht zugänglich. Allerdings hätte er ohne seine Sturheit und Unnachgiebigkeit das Versprechen nicht in die Tat umsetzen und seine Kapelle wohl nicht vollenden können. Im Jahre 1977 ist er im Alter von 77 Jahren verstorben. Gott schenke ihm Frieden und zähle ihn zu seinen Heiligen. Wie nach jedem Rosenkranz-Gesätz der Kevelaer-Pilger beten wir für ihn:
"Oh Jesus, verzeihe uns unsere Sünden, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle, nimm alle Seelen in den Himmel auf, besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen".


Quellenangaben:
Zeitungsausschnitte von AVZ und AN vom September 1963;
Chronik der Pfarre St. Konrad, Pfarrer Hans Thoma, 1945-1963;
Kirchenzeitung für das Bistum Aachen, 64. Jg. Nr. 19, vom 10.05.2009;
Eigene Aufzeichnungen (Andreas Krützen)



Kommentare

Marius Kowollik
April 2013

Ich kann mich erinnern, dass ich vor einigen Jahren die Kapelle während eines Spaziergangs besichtigt habe. Doch weder wusste ich damals um die interessante Entstehungsgeschichte der Kapelle noch um deren Bedeutung.
Vor einigen Tagen habe ich sie nochmals aufgesucht. Ich muss sagen, dass mir die Kapelle jetzt in einem ganz anderem Licht erschien...
Die folgenden Fotos, die ich dort geschossen habe, zeigen die Kapelle, deren Altar und die Marienstatue.
Vielen Dank für den interessanten Beitrag.