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"Der Pferdebeter", eine Geschichte vom Bauernhof "Gut Klau" in Vaalserquartier
von Andreas Krützen, April 2013

Nach Kriegsende gab es in Vaalserquartier noch 30 Bauernhöfe, wenn man alle -auch die kleinsten- einbezieht. Auf einem solchen Pachthof, "Gut Klau" (Burgstr. 21), bin ich mit sieben Geschwistern groß geworden. Die anderen Höfe habe ich gut gekannt, weil ich häufiger für meinen Vater (Josef Krützen) Einladungen, Zeitschriften oder Kalender zu den anderen Bauern austragen musste. Heute werden noch zwei Höfe bewirtschaftet: Gut Pfaffenbroich und Gut Reinartzkehl (Süd). Die anderen Höfe sind zu Wohnungen umgebaut, die Ländereien zum Wohnungsbau und für das Klinikum verkauft und nur noch ein Rest von Feldern und Wiesen an die beiden genannten Höfe verpachtet.
Unser Hof "Gut Klau" hatte 65 Morgen Pachtland und 5 Morgen eigenes Ackerland "Im Landgraben". Es war ein typischer "Mischbetrieb" von Ackerbau und Milchwirtschaft. Die Haupteinnahmen kamen also einerseits aus dem Milchverkauf (20-25 Kühe) an die Molkerei, andererseits aus dem Verkauf von Getreide (Weizen und Roggen), wobei mein Vater meist Höchstpreise (Saatgetreide) erzielen konnte. Dafür war Voraussetzung, dass das Getreide konventionell mit dem "Binder" gemäht und die Garben dann zum vollständigen Trocknen in der riesigen Scheune gelagert ("jebärrmt") wurden. Der "Binder" musste von drei Pferden gezogen werden, weil diese irre schwere Maschine nicht nur das Getreide mähte, sondern auch mit Hanfkordel zu Garben band. Auch bei den voll beladenen Erntewagen wurde bei Steigungen ein drittes Pferd vorgespannt. Da mein Vater für den Einsatz eines Treckers nicht zu gewinnen war, mussten also drei bis vier Ackergäule gehalten werden. Soweit die Vorgeschichte!

Anfang der 50-er Jahre war nun eines dieser Pferde, die "Emma" erkrankt. Mit der Anwendung einiger Hausmittel waren die Magen- und Darmprobleme wohl nicht zu beseitigen und so bestellte mein Vater zunächst den preisgünstigsten Tierarzt. Der verordnete einige Einläufe, aber jeder Erfolg blieb aus. "Emma" mit ihrem aufgedunsenen Bauch wurde immer schlapper und lag schwer atmend auf der Seite. So wurde schließlich ein zweiter und dritter Tierarzt herbeigerufen, die letztendlich nichts ausrichten konnten und nur noch eine "Einschlafspritze" für das Pferd anboten. Inzwischen war ich von der Schule zurück und erhielt von meinem Vater folgenden Auftrag:
*) "Schnapp dich ens jau et Rad än fahr noh d′r der Pitt Cliemens opene Voelser Steäwig. Dem moß du van dat malad Peäd verzälle än da kann deä os bestemmt helpe, denn dat es ene Peädsbeäner."
Obwohl unsere Eltern Widerspruch nicht kannten und Einwände nicht hören wollten, fasste ich meinen Mut zusammen: "Vadder, jebeänt hant vür all ad Stonnde lang. De Döcktesch hant et Peäd opjejevve, wat sou ene Peädsbeäner nuun noch maache könne."
"Doe versteähßt du nüüß va, dat es en au Traditiuun än deä Pitt hat dat va singe Vadder jeervt. än nuun hau de Mull än maach dich op Weig!"
Weitere Äußerungen hab ich mir nicht zugetraut, mich auf′s Fahrrad gesetzt und dann doch noch im Vorbeifahren wütend zu meinem Vater gesagt: "...du jlöivs aan ene Peädsbeäner än bes ejjene Kerchevöörstand!"

So bin ich also über die "Vaalser Landstraße" langsam Richtung Stadt geradelt und habe inständig gehofft, dass ich niemanden antreffe. Wie sollte ich das wohl dem Herrn Clemens erklären, er hatte nämlich den Beinamen "d′r Douv", weil er taubstumm war. Gottlob hat Frau Clemens die Türe aufgemacht und ich musste nun ihr die Geschichte von dem schwerkranken Pferd erzählen. Mein Vater würde alle Hoffnung auf ihren Mann, den "Peädsbeäner" setzen. Da hat sie lauthals gelacht und mir erklärt:
**) "Da weäß dinge Papp mieh als wie ich. Minge Mann es op et Feld än dem breng ich nuun dr Nommedaags-Kaffie. Ich weäd höm dat va dat ärrm Peäd expleziere än ben ens jespannt, wie domm deä kickt. Fahr mer noh Heäm än jröß mich ding Eldere, än et Bejste för et Peäd!"
Erleichtert, diesen fragwürdigen Auftrag erledigt zu haben, bin ich zum "Klau" zurück gefahren. Hier herrschte eine seltsame Stille, niemand zu sehen, "Emma" nicht mehr im Stall. Auf dem Hof lag dick aufgeschichtet Stroh und auch Unmengen "Pferdeäpfel". Meine Geschwister haben mir dann von der "wundersamen Heilung" berichtet: Als ich weggefahren bin, ist der Schmied, Herr Johann Küppers, mit seinem Sohn gekommen. Sie haben dann dem halbtoten Pferd die Füße zusammen gebunden, um es mit Hilfe eines anderen Pferdes aus dem Stall zu schleifen. Zur Schonung war dann ein Strohpolster vom Stall bis zur Mitte des Hofes angelegt worden. Dann hat man mit allen zur Verfügung stehenden Männern das arme Pferd von der einen Seite auf die andere gekippt. Schon nach wenigen "übungen" hat "Emma" sich "entleert" und die "Pferdeäpfel" wie gewaltige Geschosse von sich gegeben. Das ganze muss man sich natürlich auch mit einer entsprechenden Geräuschs- und Geruchsbeigabe vorstellen. Das Pferd hat sich unwahrscheinlich schnell erholt und ist nach Entfernung der Fußfesseln sofort aufgestanden, zur Tränke getrottet und dann als geheilt in die Wiese entlassen worden. Nun können sie, verehrte Leser, einmal selbst darüber nachdenken, ob der "Peädsbeäner" hier mitgeholfen hat oder nicht. Auf alle Fälle hat diese Idee die Zuversicht und den Willen meines Vaters bestärkt, das Pferd nicht so schnell aufzugeben. Wir wissen auch nicht, wer den Schmied zu Hilfe eilen ließ und ihm den guten und erfolgreichen Trick eingegeben hat, der das Pferd letztendlich rettete. Vielleicht war auch der heilige Leonard, der Schutzpatron der Pferde, Bauern und Schmiede, daran beteiligt und hat mit seiner Fürsprache bei Gott alles bewirkt: "An Gottes Segen ist alles gelegen"!

NACHWORT
Wir haben auf dem Hof, bei der Feldarbeit und im Stall nur "öcher Platt" gesprochen, im Wohnhaus dagegen Hochdeutsch (meist mit Streifen). Damit sind wir Kinder sozusagen "zweisprachig" aufgewachsen. Im obigen Text habe ich daher wegen der Atmosphäre und Originalität auch "öcher Platt" verwendet. Für diejenigen, die es nicht so gut beherrschen, werden diese Stellen hier übersetzt:
*) "Nimm dir mal schnell das Fahrrad und fahre zum Peter Clemens auf der Vaalser Landstraße. Dem musst du von dem kranken Pferd erzählen und dann kann der uns bestimmt helfen, denn der ist ein Pferdebeter." ...
"Vater, gebetet haben wir alle schon stundenlang. Die Ärzte haben das Pferd aufgegeben, was soll ein Pferdebeter jetzt noch machen können!"
"Da verstehst du nichts von, das ist eine alte Tradition und der Peter hat das von seinem Vater geerbt. Und nun halt den Mund und mach dich auf den Weg!"
" du glaubst an einen Pferdebeter und bist im Kirchenvorstand!"...
Frau Clemens:
**) "Da weiß dein Vater mehr als ich. Mein Mann ist auf dem Feld und dem bringe ich jetzt den Nachmittags-Kaffee. Ich werde ihm das von dem armen Pferd erklären und bin mal gespannt, wie dumm der dann guckt! Fahre nur nach Hause und grüße mir deine Eltern, ...und das Beste für das Pferd!"




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